Während ich diese Zeilen schreibe (Achtung: Veröffentlichungsdatum später als Erstelldatum!), sitze ich auf dem Stuhl, den ich mir vor die Hütte gestellt habe, im Sand und lausche den Wellen, die vom Mondlicht beschienen sich am Ufer brechen. Kein Licht weit und breit, nur die vom Dschungel bewachsenen Bergrücken heben sich schemenhaft gegen das Wasser ab. Der Strand ist verlassen, und die nächste menschliche Siedlung nur über mehrere Kilometer auf einer haarsträubend steilen Piste über den Hauptkamm der Insel zu erreichen.
Klingt wie ein Tropen-Klischee, entspricht aber den Tatsachen, wenn man davon absieht, dass ich das künstliche Licht meines Laptops unterschlagen habe. Gerade habe ich zweimal gegen den Computer Schach gespielt und bin zweimal mit fliegenden Fahnen, aber letztlich chancenlos untergegangen. Aber was macht das schon, wenn man das Wochenende auf Palau Tioman verbringt. Diese Insel im Pazifik (genau genommen, im Südchinesischen Meer, ein Nebenmeer des Ozeans, das von den Philippinen bis hinunter nach Borneo reicht) ist ein beliebtes Urlaubsziel der Malaysier, aber in dieser Jahreszeit nahezu ausgestorben, weil gerade Monsunzeit ist. Bei 10 Sonnenstunden am Tag spüre ich davon allerdings wenig. Hat auch, aber nicht nur mit Glück zu tun, denn eigentlich wollte ich gar nicht nach Tioman kommen --mein Reiseführer rät wegen Gefahr sintflutartiger Regenfälle ab --, bis mir ein Blick in die Wettervorhersage die guten Aussichten für die nächsten Tage verraten hat. Also kurzfristige Planänderung, und ab auf die Insel!
Gestern (Donnerstag) mittag bin ich aus Singapur nach Johor Bahru in Malaysia gereist; das geht mit öffentlichem Nahverkehr weitgehend unkompliziert. Schließlich verbindet die Insel bereits seit langem ein Damm mit dem Festland. Sehr netter Empfang im malaysischen Tourismusbüro, das im hypermodernen Abfertigungsgebäude untergebracht ist. Offenbar will man zeigen, dass man dem reichen Singapur in keiner Hinsicht etwas nachsteht. Der Busbahnhof von “J.B.'' erweist sich dank tausend verschiedener Busgesellschaften als chaotisch (mir graut bei dem Gedanken, dass ich den von Kuala Lumpur noch kennenlernen muss!), aber dank der Hilfe eines Einheimischen, der im selben Bus aus Singapur saß, ist das Ticket für Mersing, den Fährhafen für Tioman, schnell organisiert.
Zwei Stunden verbringe ich im bequemen und vollklimatisierten Bus, dann steige ich in Mersing aus. Nach kurzem Suchen habe ich ein Hotelzimmer im Hotel Golden City. Das klingt a) chinesisch, b) schick und c) teuer. Richtig ist a). In ersten Zimmer, das ich mir anschaue, fällt mir eine 10-15 cm lange und im Übrigen nicht gerade kleine Echse, die über die Fensterbank flitzt, auf. Ich schätze meine Aussichten, den Lurch zu fangen, als nicht besonders hoch ein, und will es auch nicht mit der Rache seiner Sippschaft zu tun bekommen. Aber für 40 Ringgit (etwas unter 10 Euro) bekomme ich ein anscheinend echsenfreies Dreibettzimmer mit Bad, Toilette und A/C. Den Versuch, vom Fußboden zu essen, schenke ich mir allerdings. Zartbesaitete würden dieses ``billlige Chinesenhotel'' (ein Euphemismus meines Reiseführers) wohl eine Absteige nennen, aber damit habe ich kein Problem. Preis/Leistung ist jedenfalls in Ordnung, die Toilette funktioniert, und die Sachen sind am nächsten Morgen vollzählig.
Mersing ist ein unkompliziertes und angenehmes Hafennest. Ich arrangiere Unterkunft auf Tioman, kaufe eine Badematte, ein Handtuch, Flip-Flops, gehe etwas essen, verbringe eine gute Stunde im Internet-Cafe, und gehe recht zeitig ins Bett. Am nächsten Vormittag geht die Fähre. Aufs Deck kann man leider nicht, aber angesichts der stechenden Tropensonne wäre das vielleicht auch keine gute Idee, und außerdem sind vor ein paar Wochen ein paar Passagiere bei stürmischer See über Bord gegangen, mit tödlichem Ausgang Nach anderthalb Stunden zeichnet sich das markante Profil von Tioman am Horizont ab. Die Insel erhebt sich bei einer Länge von 15 und einer Breite von 5-10 Kilometern ca. 1000 Meter aus dem Meer heraus, und manche Strände, die wir anlaufen, sind unmittelbar zwischen felsigen Hügeln eingeklemmt und nur mit dem Boot erreichbar. Überhaupt ist ein Großteil der Küste zu steil, um an Land zu gehen.
Von Bebauung ist die Insel glücklicherweise weitgehend verschont gebleiben. Das meiste ist Urwald. Es gibt ein größeres Resort und in jedem der kleinen Orte eine Reihe Bungalows, die nun, wie oben ausgeführt, weitgehend leer stehen. Ich selbst verlasse das Schiff im Hauptort und werde dann mit einem Geländewagen auf die Rückseite der Insel, in den Ort Kampung Juara, transportiert. (Anmerkung: Kampung heißt Dorf. Der Namen so ziemlich jedes kleineren Orts in Malaysia beginnt mit diesem Wort. Beliebte Anfänge sind auch Bukit (Hügel), Sungai (Fluss) und Kuala (Mündung). Lumpur heißt übrigens Schlamm, glaube ich.) Auf der total überfüllten Ladefläche befinden sich bereits in Massen irgendwelche anderen Güter, so dass mein neu erworbener Koffer auf die Pappkartons heraufgewuchtet wird, in luftiger Höhe als Tüpfelchen auf dem i thront und von einem mitfahrenden Jungen, der sich auf die ineinander verkeilten Kartons hockt, festgehalten wird. Anscheinend hat er genug Vertrauen in seine Fähigkeiten, um parallel dazu an der Zigarette zu ziehen, aber als das Auto losfährt, schmeißt er letztere doch äber Bord.
Nach den ersten halsbrecherischen Serpentinen auf den Hauptkamm der Insel hinauf, 500 Meter Höhenunterschied in nicht mehr als drei Kilometern, habe ich doch ein wenig Angst um mein Gepäck, und frage mich, ob der angeblich so tolle Strand und die abgeschiedene Lage so gute Gründe sind, um den einzigen Ort auf der Insel anzusteuern, der nur über besagte Piste zugänglich ist. Du hast Brot, Butter und willst auch noch Marmelade? Das Sandwich kommt diesmal allerdings mit der Brotseite auf, und ich darf in Kampung Juara meinen Koffer unbeschädigt in Empfang nehmen. Es hat sich gelohnt: Der Strand ist hinreichend breit, sichelförmig langgezogen, von gränen Hägeln umrandet und komplett, komplett menschenleer. Irgendwann klaubt ein anderer Europäer Korallen auf, später sehe ich Leute in Strandacfes sitzen, aber auf dem Sand oder im Wasser ist niemand zu finden. Inzwischen ist es früher Nachmittag: Zeit für Schwimmen, ein Curry am Strand, Dösen in der Hängematte, und dolce far niente für den Rest des Tages. So geht es nun die nächsten zwei Tage, und nur das Stechen der Sandfliegen, die mich zu ihrem Sonntagsbraten auserkoren haben, stört die Idylle.
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