Wenn man einen Raum betritt, in dem alle anwesenden Frauen ein eher konservatives Kopftuch tragen, geht man nicht davon aus, dass es sich um eine Hochburg der weiblichen Emanzipation handelt. Die Perspektive verändert sich jedoch, sobald man weiß, dass es sich nicht um den Tag der offenen Tür in der lokalen Moschee handelt, sondern um die Mitglieder eines Departments der bestangesehendsten Universität des Landes handelt, und diese Frauen auch 70% der Gruppe ausmachen. So geschehen im Department of Science and Technology Studies, University of Malaya, Kuala Lumpur. Bemerkenswert, dass in einem Land, in dem der Islam offizielle Staatsreligion ist, Frauen sich an der Universität dem Anschein nach so viel besser plazieren als in Europa, wo sie vielleicht 10-20% der Professoren ausmachen.
Das sagt nun nicht notwendigerweise, dass bei uns etwas schiefgelaufen ist, aber es sagt sicher etwas über die Stärke jener Argumente, die a) Karriere und Kinder für unvereinbar halten oder b) das Kopftuch als ein Symbol der Unterdrückung der Frau interpretieren. (Zur Information: in offiziellen Positionen herrscht in Malaysia kein Kopftuchzwang; aufgrund der multikulturellen Prägung durch Inder, Chinesen, etc., die einen beträchtlichen Teil der Bevölkerung ausmachen, wäre dies auch gar nicht durchsetzbar.) Als Erklärung dafür boten mir meine Gesprächspartner an, dass die weiblichen Studenten ernsthafter, fleißiger und motivierter seien als ihre männlichen Kollegen. Die Story, die wir nicht von der Uni, sondern von der Schule kennen...
Das macht Sinn, wenn man bedenkt, dass das akademische Niveau sich vom westlichen Standard doch unterscheidet und dass unsere Abiturienten sicher fitter sind als die Absolventen der A-Levels in Malaysia. Man kann diesen Niveauunterschied zweierlei interpretieren: erstens wertend, als Feststellung eines Mangels oder Defizits in der Forschung. Aber man den Mangel an Tiefgründigkeit, der das Schreiben mancher Forscher kennzeichnet, auch als natürliche Folge der thematischen Unterschiede sehen. Hier geht es viel um konkrete Strategien für Umweltmanagement in Malaysia, um Palmölgebrauch in den Garküchen der Vororte, um Recycling gebrauchter Plastikflaschen. Mit anderen Worten, die sehr angewandte hiesige Forschung muss auf tiefschürfende theoretische Untersuchungen verzichten, will sie ihre Aufgabe erfüllen, für Staat und Bevölkerung von Nutzen zu sein. Und die theoretischer angelegtenUntersuchungen, z.B. bioethische Fragestellungen, bewegen sich stark in einem speziellen malaysischen Kontext, in dem die kulturelle Identität seiner Bewohner und das Spannungsfeld zwischen sogenannten westlichen und islamischen Werten eine große Rolle spielt und daher auch viel diskutiert wird. Das zeigt sich zum Beispiel in der Frage der Organtransplantation ohne vorherige Zustimmung: sollte der Arzt
sich dem (verstorbenen) Individuum oder der Gemeinschaft verpflichtet fühlen? Die liberale individualistische Position, die im Prinzip Freiheit und Selbstbestimmung des Individuums über die Interessen der Gemeinschaft stellt, stößt in Malaysia deutlich auf Widerstände.
Allerdings habe ich bei allen meinen Gesprächspartnern deutlich gespürt – und ich bin ausgesprochen froh darüber –, dass es einen starken Widerwillen gegenüber Thesen gibt, die den Zusammenprall der Zivilisationen (clash of civilizations) postulieren. Man hat Angst, dass eine wie immer geartete islamische Orientierung sofort als religiöser Fundamentalismus missverstanden wird. Es handelt sich bei der o.g. Kritik an typisch westlichen, individualistischen Werten darum auch nicht um eine Ablehnung des westlichen Welt- oder Gesellschaftbildes, sondern um einen konstruktiven Versuch auszuloten, inwieweit dieses mit den traditionellen, häufig aus dem Islam stammenden Werten der malaysischen Gesellschaft vereinbar ist. Man möchte sich öffnen, ohne seine Identität zu verlieren. Wir finden das schnell rückständig, aber wer einmal mit dem Auto durch die Vereinigten Staaten gereist ist, weiß um die Probleme der kapitalistischen, radikalindividualistisch ausgerichteten Gesellschaft.
Eine kleine Anekdote am Rande: im Bus in die Cameron Highlands erzählte mir eine Mitreisende ohne einen Anflug von Scham ihre „Errungenschaften“ auf einer Shoppingtour am Nachtmarkt in Kuala Lumpurs Chinatown. Eine Handtasche wurde ihr und ihren Freundinnen für 65 Ringgit (knapp 16 Euro) angeboten. Sie hat den Händler ausgelacht und noch einmal nach dem Preis gefragt. Dieser wurde nun mit 40 Ringgit angegeben. Ihre Freundin, die an der Tasche sehr interessiert war, hätte wohl eingeschlagen, aber sie schlug nun 25 Ringgit (6 Euro) vor. Der Händler lehnte ab. Ihr nächster Vorschlag waren 26 Ringgit. Zu diesem Zeitpunkt war die Geduld des Händlers verständlicherweise erschöpft: er brach die Verhandlungen ab und schickte die Mädels weg. Sie bekamen sie dann an einem andern Stand nach einigem Handeln für 35 Ringgit und liefen damit absichtlich am ursprünglichen Stand vorbei! Wenn man eine Mentalität entwickelt, in der Profite im Pfennigbereich vor dem Respekt vor dem Gegenüber kommen – und das kommt (nicht nur) unter Backpackern nicht selten vor, von angemessener Kleidungswahl ganz zu schweigen – muss man sich nicht wundern, wenn der westliche Lebensstil nicht kritiklos übernommen wird. Mit den Worten eines Angestellten in einem kleinen Bangkoker Modegeschäft: „The first thing most people ask is not what materials do you have, what kind of clothes do you make, but: what is the cheapest price at which I can get a suit.“
Der Talk lief übrigens gut, und die Gespräche mit den anderen, durchgängig sehr netten Mitgliedern des Departments waren angenehm. Ansonsten fällt auf, dass Malaysia für ein Entwicklungs- oder Schwellenland bereits einigen Wohlstand angesammelt hat. Es gibt keine Elendsquartiere oder Slums, die Straßen sind gut ausgebaut, die Städte mehr oder weniger gepflegt (Kuala Lumpur ist kein Vergleich mit Bangkok), und die Leute meistens freundlich und guten Mutes. Es scheint auch eine selbstbewusste Schickeria zu geben, denn in ein Kammerkonzert im hiesigen Konzertsaal wurde ich in Jeans und Hemd nicht hereingelassen! Glücklicherweise hielt man an der Garderobe ein paar Ersatzhosen parat, allerdings eher im asiatischen Schnitt. Das bedeutete, ich musste mich zwischen bierbauchgeeigneten Modellen und Siebenachtelhosen entscheiden. 7/8 gewann. Vielleicht wird das nun auch bei Männern ein Modetrend?
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